Fünf, Sechs, Sieben, Acht

Ewald Arenz steht als Autor schon lange auf meiner Leseliste. Bisher habe ich mir aber nie die Zeit genommen, ein Buch von ihm zu lesen. In meinem Kopf habe ich diesen Autoren immer mit etwas anspruchsvollerer Literatur verknüpft, die vielleicht auch im Germanistikstudium behandelt werden könnte. Also langatmig, etwas gestelzt und sehr verschachtelt. Wahrscheinlich lag das an den Covern, die immer sehr ruhig und minimalistisch daherkommen. Ganz anders, als viele andere Bücher, die gerade so auf dem Buchmarkt erscheinen. Bitte nicht falsch verstehen – ich finde die Cover der Arenz-Bücher gerade durch diese Einfachheit total ansprechend. Aber die Befürchtung, so einen Wälzer an gestochener Literatur vorzufinden, hat mich dann doch abgeschreckt.

Aber in diesem Sommer habe ich nun endlich die Chance ergriffen – Dank eines lieben Arbeitskollegen und Freundes, der mir das Buch sehr empfohlen hat. Naja, da konnte ich einfach nicht widerstehen, im Urlaub mit ein bisschen Zeit und viel Lust zum Lesen.

Über das Altwerden, verpasste Chancen und das Leben

Das Bild zeigt das Cover des Buches "Fünf, Sechs, Sieben, Acht" von Ewald Arenz vor einer herbstlichen Deko.

Wir kennen es alle – früher war alles besser. Und überhaupt hätte das Leben ganz anders verlaufen können, wenn nur diese oder jene Sache so gewesen wäre oder wir an dieser Stelle mehr getan hätten, um unser Ziel zu erreichen. Bestimmt wären wir heute reich, berühmt, ganz woanders – aber auf jeden Fall und mit Sicherheit viel glücklicher als jetzt. Bestimmt hätten wir ein viel tolleres Leben, aber das konnten wir nicht erreichen, und müssen uns nun mit dem zweit- oder gar drittbesten zufrieden geben.

Diese Probleme kennt auch Anton, der sechzigjährige Protagonist des Buches „Fünf, Sechs, Sieben, Acht“. Er ist Stepptänzer beim Theater einer nicht näher definierten Stadt und fühlt sich gerade auf der Höhe seiner Karriere. Seine inszenierten Stücke, in denen er selbst auch mitspielt, kommen gut beim Publikum an, seine tänzerische Leistung ist tadellos und er strotzt vor Energie. Umso mehr wirft es ihn aus der Bahn, als sein Vertrag unter der neuen Intendantin des Theaters nicht verlängert wird und stattdessen – um alles noch viel schlimmer zu machen – an seine Tochter vergeben wird. Die neuen Tanzvorstellungen sollen frisch sein, jüngeres Publikum anlocken und auch mehr wagen. An dieser Stelle bricht Antons Leben und seine Selbstwahrnehmung, auch sein Selbstwertgefühl, komplett ein und lässt ihn zweifelnd und selbstkritisch, aber auch lebenskritisch, zurück.

Anton ist geschieden von seiner Frau Katja, die er mit einer jüngeren Frau betrogen hat. Die Beziehung hilt ebenfalls nicht lange. Trotzdem verbindet ihn mit seiner Ex-Frau nach wie vor ein freundschaftliches Band und die Liebe zu ihrer gemeinsamen Tochter Emma. Emma, die ein schwieriges Verhältnis zu ihrem Vater hat und ihm auch viele Jahre später die Kränkung eines zerbrochenen Elternhauses und das Gefühl des Verlassenwerdens nicht verziehen hat. Und Anton ist nun seinerseits von seiner Tochter zutiefst gekränkt, fühlt sich schlecht behandelt und nicht wertgeschätzt. Selbstwahrnehmung trifft auf Außenwahrnehmung und klafft meilenweit auseinander. Anton ist wütend auf seine Tochter und enttäuscht über ihr Verhalten ihm gegenüber. Anton fängt an, an sich und seinem Leben zu zweifeln, sieht sich mit Alter konfrontiert, dass er so noch gar nicht wahrnimmt, und verliert sich in Erinnerungen an eine alte Liebe, seine erste große Jugendliebe Jo.

Alte Liebe und verpasste Chancen

Als Leser bekommen wir mit, dass Anton auch während seiner Ehe mit Katja immer wieder an Jo zurückgedacht und dieser alten Liebe beständig nachgetrauert hat. Jo ist eines nachts sang- und klanglos, ohne Nachricht, ohne Verabschiedung, aus seinem Leben verschwunden. Obwohl die beiden gerade zum Studium zusammengezogen waren und so verliebt und glücklich miteinander waren. Der junge Anton hat damals versucht, sie zu finden, auch die Polizei informiert und doch nichts erreichen können. Diese fehlende Möglichkeit des Abschieds und Abschlusses hat ihn sein ganzes Erwachsenenleben verfolgt, seine Ehe und auch sein Verhältnis zu seiner Tochter getrübt. Er hat einem Traum, einer Chance nachgetrauert, und konnte die jeweilige Gegenwart nicht genießen.

Nun ist Anton, 60 Jahre alt, Vater einer erwachsenen Tochter, die sich von ihm zurückzieht, geschieden und arbeitslos, in seiner Ehre gekränkt und desillusioniert. Wie soll es weitergehen mit ihm? In einem Versuch der Aussprache mit seiner Tochter kommen sie auf das Thema Jo zu sprechen. Emma ermuntert ihn, im Internet nach ihr zu suchen und sie dann zu besuchen. Auch Emma selbst beteiligt sich an der Suche und kann Jo in Irland ausfindig machen. Anton und Emma beschließen, gemeinsam nach Irland zu reisen, um Jo zu finden und dem Vater den lange verwehrten Abschluss zu ermöglichen.

Vergangenheit und Gegenwart – ein Widerspruch aus Träumen und Wirklichkeit

Die beiden kommen gemeinsam in Irland an und fahren durch das halbe Land, um auf abgelegenen Nordspitze Irlands in einer kleinen Herberge unterzukommen. Doch bereits am Folgetag kommt es zu einem großen Streit zwischen Vater und Tochter. Der Vater kann seiner Tochter einfach nicht verzeihen, dass sie nun seine Nachfolgerin am Theater ist. Statt sich für sie zu freuen, stolz zu sein und sich damit zu arrangieren, nach vorne zu schauen und für sich selbst neue Wege zu finden, blickt er voller Neid und Missgunst auf seine Tochter. Immer wieder scheint in seinen Äußerungen durch, dass er mit sich selbst nicht zurechtkommt, mit dem Älterwerden oder Alt-werden ein Problem hat und sich nicht mit einem neuen Lebensabschnitt auseinandersetzen will. Er kann sich nicht für seine Tochter freuen, weil die Angst um seine eigene Zukunft ihm den Blick verstellt. Aber auch seine alte Jugendliebe erschwert ihm sein Leben. Immer wieder stellt er sich vor, wie viel anders, möglicherweise besser und erfolgreicher sein Leben hätte verlaufen können, wenn ihm diese Chance nicht so entrissen worden wäre.

Gleichzeitig ist auch seine Tochter vom Verhalten ihres Vaters zutiefst gekränkt und erschüttert. Als Leser erfahren wir nichts über ihr inneres Gefühlsleben, aber während eines Spaziergangs wirft sie ihm all die Dinge an den Kopf, die sie schon seit vielen Jahren mit sich herumträgt. Sie kann ihm nicht verzeihen, dass er die kleine Familie kaputt gemacht hat und auch nicht, dass er seit seiner späten Jugend immer noch seiner alten Liebe hinterhertrauert und so den Wert der eigenen Ehe, der eigenen Familie herabsetzt und nicht genießen konnte, was er hatte. Sie lässt ihn stehen, lässt ihn alleine in der Herberge zurück und reist ab.

Desillusionierung der Vergangenheit

Nun steht Anton alleine vor der großen Chance, endlich seine alte Jugendliebe wiederzufinden und mit seiner Vergangenheit abzuschließen. Wir erfahren nicht genau, was er sich davon erhofft – eine zweite Chance auf seine große Liebe oder einfach nur einen Abschluss? Auf jeden Fall findet er Jo – sie arbeitet als Lehrerin, hat eine kleine Familie und möchte gar nichts mit ihrer Vergangenheit zu tun haben. Trotzdem finden die beiden die Möglichkeit für ein Gespräch, dass jedoch ganz anders verläuft, als Anton es erhofft hatte. Er erfährt den wahren Grund für Jos unüberlegtes und überhastetes Verschwinden, das in Jos eigener, schwieriger Kindheit liegt. Und er erkennt, dass die Frau, die da heute vor ihm steht, auch ihre eigenen Gefühlsrucksack mit sich herumträgt. Sie geht nur anders damit um, versucht zu vergessen und sich auf ihr eigenes Leben im Jetzt zu konzentrieren.

Auch hier sehen wir als Leser wieder einen desillusionierten Anton, der aber diesmal die Situation reflektiert und sich klar macht, dass sein Leben bis hierher gut war. Und das es noch nicht zu Ende ist. Auch wenn er in einer schwierigen Situation ist, so hat er doch unglaublich viel erreicht und kann auf ein reiches Leben zurückblicken und auf eine volle Zukunft hoffen. Er schafft es, die Geister der Vergangenheit und der verpassten Chancen hinter sich zu lassen und mit sich und seiner Gegenwart ins Reine zu kommen.

Er beschließt nach Hause zu reisen und hofft, seine Tochter in Dublin wiederzutreffen, was ihm auch gelingt. Es gibt eine absolut rührende Szene zwischen den beiden, die so viel Liebe, gegenseitigen Respekt und Vergebung ausstrahlt, dass ich tatsächlich ein bisschen Weinen musste (auch jetzt während ich das schreibe). Das Schönste daran ist, dass die Szene komplett ohne Dialoge auskommt, und so reich erzählt wird, dass ich Anton und Emma sehr plastisch vor mir sehen konnte. Es war die schönste und berührendste Szene in einem Buch, die ich seit langem gelesen habe. Anton und Emma schaffen es, als Vater und Tochter mit ihrer Vergangenheit abzuschließen und einen neuen Weg in die Zukunft einzuschlagen.

Das Leben und das Altwerden

Für mich hätte das Buch an dieser Stelle tatsächlich zu Ende sein können, aber Arenz entscheidet sich, noch ein paar lose Fäden aus der Erzählung aufzugreifen und die Selbstfindung zu einem runden, geschlossenen Ende zu bringen. Aus meiner Sicht, hätte ich als Leserin darauf gut verzichten können, es hätte dem Buch nicht gefehlt. Erstaunlicherweise stört es aber auch nicht besonders, sondern rundet das ganze noch ein bisschen mehr ab.

Insgesamt fand ich den Protagonisten an vielen Stellen unerträglich in seiner nachtragenden Art, seiner Verherrlichung der Vergangenheit und Unfähigkeit, die vielen schönen Moment und wertvollen Menschen in seinem Leben zu schätzen. Umso mehr hat mich das Ende gefreut. Anton hat es geschafft, mit seiner Familie und seinem Leben in Einklang zu kommen und hat erkannt, dass sein Leben genau richtig so ist, wie es ist und keinerlei Veränderung oder Trauer bedarf. Die Erkenntnis, dass unsere verpassten Chancen und nicht gelebten Träumen unser Leben erst zu dem tollen Gesamtwerk machen, dass es ist, trägt dieses Buch und hilft auch den Lesern beim Reflektieren. Wir alle kennen Momente, in denen wir uns wünschen, einige Dinge in der Rückschau lieber anders gemacht zu haben. Aber in jedem dieser schwermütigen Momente sollten wir uns immer daran erinnern, dass alle unsere Entscheidungen – auch die vermeintlich falschen – und zu dem Menschen machen, der wir sind und uns das Leben ermöglicht haben, das wir gerade führen. Und wir haben es jederzeit in unserer Hand, daran etwas zu ändern und unsere Träume immer noch umzusetzen. Oder zu erkennen, dass wir sie gar nicht mehr brauchen.

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