Qualityland
In diesem hervorragenden Buch von Marc-Uwe Kling wird eine interessante, mögliche und durchaus verstörende Zukunft gemalt. Wir erleben ein Deutschland in einer ferneren Zukunft. Nur heißt es jetzt nicht mehr Deutschland, sondern (E)Qualityland, um sich von seiner beschämenden Vergangenheit zu befreien und ein zukunftsfähiges Mantra im Namen zu tragen. Eine Art Social Scoring ist Realität, die Berufe der Eltern dienen als Nachnamen und Roboter in jeglicher Form bestimmen den Alltag.

Es gibt hier einige sehr vielfältige und tiefgreifende Szenen, die aufmerksame Leser zum Nachdenken und Schmunzeln anregen. Die Hintergrundgeschichte – der Umtausch des fälschlich (wirklich?) zugestellten Sexspielzeugs – ist ein wenig hanebüchen, bietet aber einen Aufmacher, um die verzerrte Realität darzustellen.
Social Scoring – Bubbles der Zukunft
Besonders eindrücklich ist das Social Scoring beschrieben, mit dem man über Aktivitäten, aber auch Jobs, Fotos, Einkommen, und vieles mehr, Ränge aufsteigen und absteigen kann. Im Laufe der Geschichte zeigt der Protagonist Peter Arbeitsloser jedoch die Fehler des Systems auf und versucht, diese zu beseitigen. Und hier sieht man dann auch die Parallelen mit vielen bereits heute gängigen Social-Media-Plattformen und ihren Algorithmen. Das Problem an den Algorithmen, den fiktiven sowie den realen, ist nämlich, dass keiner genau weiß, wie sie funktionieren. Es ist nicht einsehbar, welche Daten genau gesammelt werden, wie genau diese ausgewertet werden und welche Rückschlüsse daraus gezogen werden (können). Dadurch ergeben sich sogenannte Bubbles – Nutzende bekommen nur den Inhalt angezeigt, der ihrer eigenen Meinung entspricht. Dadurch entsteht der Eindruck, dass alle Menschen das gleiche denken und man selbst nicht mehr seine Position hinterfragen muss. Nutzende kommen nicht mehr mit Andersdenkenden und anderen Meinungen in Kontakt. Dadurch gibt es keine Notwendigkeit mehr, sich kritisch mit verschiedenen Strömungen, Meinungen und vor allem Fakten auseinanderzusetzen. In unserer realen Welt ist das bereits ein großes Problem. In der Welt von Qualityland führt es dazu, dass als sogenannte „Nutzlose“ eingestufte Personen kaum noch eine Möglichkeit haben, wieder eine höhere Punktzahl zu erreichen und damit einen höheren gesellschaftlichen Status zu erlangen. Unserem Protagonisten Peter Arbeitsloser ist genau das passiert und er sieht kaum Möglichkeiten, sich wieder daraus hervorzuarbeiten.
Konsumschutz statt Verbraucherschutz
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Macht der Konzerne. Es gibt in Qualityland sogenannte „Konsumschutzgesetze“, die das Reparieren von Dingen verbietet, um den stetigen Konsum voranzutreiben und zu sichern. Daneben gibt es Algorithmen, die anhand der stetigen Überwachung des Kunden voraussehen, welches Konsumgut dieser wann benötigt (z.B. ein paar Bier nach einem anstrengenden Tag oder eben das bereits oben erwähnte Sexspielzeug) und dieses dann automatisch unaufgefordert zum Kunden liefern lassen. Hierdurch wird natürlich auch nur das bereits oben beschriebene Dilemma verstärkt. Die Kunden setzen sich nicht mehr mit den Artikeln auseinander und verlassen sich darauf, dass das System sie besser kennt, als sie sich selbst und die Artikel wirklich genau die richtigen sind. Der Algorithmus bezieht dabei aber keine Weiterentwicklungspotenziale ein und eröffnet auch keine Chancen. Er dient lediglich dazu, den status quo aufrecht zu erhalten. Durch die beiden beschriebenen Mechanismen bleibt es daher bei einer Aufrechterhaltung des aktuellen Stands und ein Fortschritt oder eine Weiterentwicklung ist gar nicht möglich oder nur mit größtem Aufwand. Auch hier sieht man natürlich leicht die Parallelen zum momentanen realen Status. Durch aufwendig gestaltete Algorithmen, die uns zwar noch nicht eigenständig beliefern lassen, aber auch nur Dinge anzeigen, die unseren Interessen entsprechen könnten. Damit wird vermieden, dass wir uns weiterentwickeln, unseren Horizont erweitern und Neue Dinge lernen.
Wahlkampf und andere Nebensächlichkeiten
Neben diesen beiden sehr eindrucksvollen Mechanismen gibt es noch viele andere Nebentöne in Qualityland. So war Peter Arbeitsloser früher Maschinentherapeut, kann durch die Konsumschutzgesetze aber als solcher nicht mehr tätig sein. Daher sammelt er kaputte Androiden in seinem Keller, anstatt sie in seiner Schrottpresse zu verschrotten. Gleichzeitig findet auch gerade eine Wahl in Qualityland statt, in der ein sehr rechtspopulistischer Kandidat gegen den Androiden John of Us antritt. Als Leser sehen wir auch immer sehr erhellende Ausschnitte aus dem Wahlkampfteam des Androiden. Es wird aufgezeigt, wie der rechtspopulistische Kandidat durch Ansprechen von Emotionen wesentlich mehr Aufmerksamkeit und Wählerstimmen einfängt als der sachliche und faktenbasiert argumentierende Android. Hier gibt es einige Parallelen zum vergangenen Wahlkampf im heutigen Deutschland und dies stellt sehr gut den Einfluss von Sachlichkeit und Emotionen auf die Wählerentscheidungen dar. Erst als der Android beginnt, die allbekannten Algorithmen mit in seinen Wahlkampf einzubeziehen, gelingt es ihm, den Trend zu drehen.
Darüber hinaus gibt es nur noch selbstfahrende Autos, die Wahlen sind öffentlich, man muss seine (und alle anderen) Geräte küssen, um sie freizuschalten und noch vieles mehr. Auch die dargestellten defekten Roboter/Androiden kommen mit viel Charme daher und fügen der Geschichte noch etwas mehr Schliff hinzu.
Das Buch Qualityland ist schon einige Jahre alt (erschienen 2017), ist jedoch immer noch hochaktuell und hat eher noch an Wichtigkeit gewonnen. Qualityland wurde daher auch 2018 mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet.
Ich empfehle jedem, dieses Werk zu lesen! Ich freue mich derweil darauf, bald den zweiten Teil aus der Bibliothek auszuleihen.