Ich habe Ende letzten Jahres das Buch Im Westen Nichts Neues von Erich Maria Remarque gelesen. Es war ein beeindruckendes, deprimierendes, bewegendes und erschütterndes Buch. Anfang 2025 habe ich dann den zweiten Teil der kleinen Reihe, Der Weg Zurück, gelesen. Auch dieses stille, eher ruhige aber tiefgründige Buch, hat mit tief bewegt. Über beide Bücher möchte ich hier kurz meine Gedanken teilen.
Im Westen Nichts Neues
Schon zu der Zeit vor ein paar Jahren war ich bestürzt über die Schrecken des Ersten Weltkriegs, die neben dem Zweiten Weltkrieg immer wieder untergehen, aber auch für die damalige Zeit unvorstellbare Gräuel und Leid mit sich brachten. Nun hatte ich mir also Im Westen Nichts Neues vorgenommen und war unglaublich mitgenommen und gefesselt von dem Buch. Der Erzähler beschreibt sehr eindrucksvoll die Erlebnisse an der französischen Front, vor allem aber auch die Gefühlswelt der jungen Männer, fast noch Schüler, die dort die letzten Jahre ihrer Jugend verleben und schon bei den seltenen Fronturlauben merken, dass sie nicht mehr so richtig in die nicht-militärische Welt, in das „normale“ Leben, hineinpassen und das eine „Wiedereingliederung“ nach dem Krieg eine weitere, kräftezehrende Anstrengung werden wird. Das Erleben der Frontsoldaten, die Monate im Lazarett, die Stunden im Trommelfeuer und die Angriffe auf vollkommen Unbekannte, die ständige Überlebensangst und die stete Unterernährung sind so anders, als die Erlebnisse der Daheimgebliebenen. Ich möchte damit nicht das Leid der vielen Menschen klein reden, die auch im Inland Hunger litten, in steter Sorge waren, sich mit Hof und Haus herumschlagen mussten und im schlimmsten Fall dann nach dem Krieg mit Nichts dastanden, weil der Mann gefallen oder nicht mehr arbeitsfähig war, weil er ein Krüppel wurde.
Szenen aus dem Buch
Einige besonders eindrucksvolle Szenen aus Im Westen Nichts Neues sind mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben: Zum einen, wie der junge Paul mit einem französischen Soldaten in einem Trichter ausharren muss und diesen in seiner Überlebensangst absticht. Er muss dem fremden Mann dann beim Sterben zusehen und zuhören. Paul ist in Folge dessen innerlich unglaublich zerrissen über das, was er gerade getan hat. Nachdem der Mann tot ist, nimmt Paul dessen Geldbörse und sieht die Fotos der Familie, zu denen der Franzose nun nie wieder zurückkehren wird. Paul gerät in eine Art psychisches Delirium und schwört, sich dessen Familie anzunehmen und nach dem Tod Kontakt aufzunehmen. Nach einigen Stunden schwächen sich aber auch diese Gedanken ab und er findet sich auf eine traurige Art und Weise damit ab, dass er diesen Menschen umgebracht hat. Es wird ihm ein Stück weit egal und er denkt nur noch daran, selbst aus diesem Trichter herauszukommen und zu seinen Kameraden zurückzukehren.
Eine andere bewegende Szene findet sich kurz vor Ende des Buches, als Paul seinen letzten verbliebenen Freund Kat nach einer Schussverletzung am Bein ins Lazarett bringt. Er trägt ihn viele Kilometer und als beide endlich dort ankommen, ist Kat tot. Ein Granatsplitter hat ihn irgendwann auf dem Weg in den Hinterkopf getroffen. Paul ist nach dieser Szene noch verstörter als zuvor. Sein ganzer Lebensmut ist ihm endgültig genommen, alle seine Kameraden, seine engsten Freunde und Vertrauten sind weg (gefallen oder im Lazarett), er ist alleine unter den anderen Soldaten. Das Buch endet im Oktober 1918, nur wenige Wochen vor Ende des Ersten Weltkriegs. Die Lage der Soldaten an der deutschen Front verschlechtert sich zunehmend, die Versorgung bricht quasi zusammen und immer noch kommen Angriffsbefehle, während sich gleichzeitig schon Gerüchte über einen Frieden durchsetzen.
Achtung SPOILER!
Unser Protagonist Paul wird diesen Frieden nicht mehr erleben. Wenige Wochen vor Ende des Krieges stirbt er. Es ist offen, ob er durch Entkräftung in Folge der Mangelernährung oder Ruhr, durch einen Treffer während eines Angriffs oder sogar einen selbstgewählten Tod fällt. Ich hätte ihm gewünscht, noch den Friedensschluss mitzuerleben.
Der Weg Zurück
Nach dem Ende von Im Westen Nichts Neues habe ich es, wie üblich, in LibraryThing eingetragen. Dabei wurde mir angezeigt, dass es der erste Teil einer zweiteiligen Reihe sei. Das wusste ich vorher gar nicht. Das zweite Buch in der Reihe ist Der Weg Zurück.

Auf seine Weise fand ich das Buch inhaltlich noch bedrückender. Es ist stilistisch nicht mehr so eindrucksvoll und bildgewaltig. Das liegt sicherlich auch daran, das wesentlich weniger Kriegsgeschehen erzählt wird. Aber auf eine andere Weise ist mir dieses Buch viel präsenter in Erinnerung. Der Erzähler ist diesmal der junge Soldat Ernst. Schon allein das Zusammentreffen der Kompanie mit den Amerikanern wenige Tage nach Ende des Krieges ist so eindrucksvoll. Der amerikanische Soldat bringt durch seine wenigen Worte „Guter Soldat, Braver Soldat“ sein Verständnis und vielleicht nicht gerade Bewunderung, aber doch Achtung für die deutschen Soldaten zum Ausdruck. Damit hatten die Überlebenden beileibe nicht gerechnet.
Ankommen
Der Weg Zurück beschäftigt sich mit dem Ankommen und dem Wieder-Ankommen der jungen Soldaten in ein Leben, dass sie nie kennen gelernt haben. Es wird erwartet, dass sie dort anknüpfen, wo sie aufgehört haben. Doch wie sollen sie das machen? Sie haben zu viel Schreckliches erlebt, zu viel Tod, Leid und Grauen erfahren und auch selbst verursacht, dass es beinahe zu viel verlangt ist, jetzt wieder die Schulbank zu drücken oder einer geregelten Arbeit nachzugehen. Auch das Leiden der inländischen Bevölkerung, die Nahrungsmittelknappheit, die steigenden Preise, die Wirren der Weimarer Republik tragen nicht gerade dazu bei, die Schwierigkeiten abzumildern. Am schlimmsten ist aber sicherlich das Unverständnis der Daheimgebliebenen, die sich keine Vorstellung machen können und wollen, welche erschütternden Erlebnisse die Frontsoldaten erdulden mussten.
Die Gerichtsszene um den Kameraden Albert fand ich am eindrucksvollsten. Hier kann der junge Ernst seiner Verzweiflung, seiner Wut und Hilflosigkeit Luft machen und beschreibt sehr schlüssig und nachvollziehbar, dass die Tötung eines anderen zu Kriegszeiten erwünscht, zu Friedenszeiten aber die Todesstrafe nach sich ziehen kann und zeigt die Absurdität des Krieges und der Erwartungshaltung der Daheimgebliebenen auf. (Anmerkung: Damit möchte ich natürlich nicht entschuldigen, was Albert getan hat und er selbst sieht ja seine Schuld auch vollständig ein. Eher scheint er sie sich sogar herbeizusehnen, da er selbst vollkommen desillusioniert und mutlos ist.)
Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt jedem Leser von Im Westen Nichts Neues. Es ist, wie gesagt, nicht mehr so bildgewaltig, aber auf eine subtilere Art und Weise sehr viel bleibender. Und in gewisser Weise, wenn auch nicht ganz so offensichtlich und für viele von uns vielleicht auch viel weniger präsent und greifbar, ist diese Erfahrung, die der junge Protagonist dort macht, auch heutzutage noch alltäglich. Ich denke hierbei an die vielen Flüchtlinge und Einwanderer, die momentan überall auf der Welt zu finden sind. Auch in unserer heutigen Welt spielt das Ankommen, das Wieder-Zurückkommen eine sehr große Rolle.
Geschichte des Ersten Weltkriegs
Diese beiden Bücher von Erich Maria Remarque haben mich dann dazu gebracht, mich noch einmal mehr mit der Geschichte des Ersten Weltkriegs beschäftigen zu wollen. In der Onleihe meiner Bibliothek habe ich ein eMagazine von GeoEpoche über den ersten Weltkrieg gefunden und bereits zwei der Artikel darin gelesen. Sehr erhellend war die Darstellung von Heinrich Jaenecke über den Beginn des Ersten Weltkriegs, ausgelöst durch das Attentat von Sarajewo. Aufgrund der überlieferten Geschehnisse und der Quellenlage ist heute davon auszugehen, dass jeder beteiligten Partei klar gewesen ist, welche Ausmaße und unbeschreiblichen sowie ungewissen Folgen ein Krieg zu dem damaligen Zeitpunkt haben musste. Trotzdem sah sich aufgrund von Befindlichkeiten, falschem Ehrgefühl und Machtbestrebungen keine Partei in der Lage, den Kriegsausbruch zu verhindern bzw. hat ihn teilweise trotzdem herbeigesehnt und angefacht.
Auch diese Geschichte scheint sich teilweise zu wiederholen. Ich beziehe das gar nicht unbedingt auf Krieg, sondern auf viele andere Krisen und Vorausschauen unserer heutigen Zeit. Wir alle sehen den Klimawandel kommen, wir sehen Armutsprobleme und weltweite Krisen entstehen, sind aber trotzdem nicht in der Lage, diese zu verhindern. Wir laufen teilweise sehenden Auges in unsere eigene nächste große Krise.